"Guten Tag.
Es ist doch heute ein ganz normaler Tag, wie 365 andere auch, nicht wahr? Haben Sie vielleicht Lust darauf, eine kleine Reise mit mir zu machen?
Ich deute Ihre, noch immer interessierten Blicke einmal als "ja". Aber das Ziel der Reise kann ich Ihnen weiß Gott nicht nennen, so leid es mir tut.
Den Anfang der Reise, müssten Sie selbst in die Hand nehmen, denn ich weiß am aller wenigsten, wohin Sie jetzt gerne entschwinden würden. Vielleicht würden Sie ja endlich einmal Orte sehen wollen,
die schon seit langem in Ihrer Vorstellung existieren?!
Sei es das große, türkisfarbene Meer, weit ab der Zivilisation, oder gar die Felswüste in den hinteren Wüstenregionen. Nein, wahrscheinlich wollen Sie einfach nur dahin reisen, wo Sie Ruhe
verspüren. Doch wo könnte ein solcher Ort sein? Sie wissen das nicht? Aber eine Sehnsucht verspüren sie doch, oder? Ich meine, eine Sehnsucht, wie sie jeder verspürt - nach dem Unbe-kannten und
Unnahbaren.
Hm... Und wo geht's jetzt hin? Sie wissen es immer noch nicht?
Wo waren Sie denn zum letzten Mal im Urlaub? In der Sonne? Oder eher im Schnee? Das ist eigentlich egal, denn beides hat doch etwas gemeinsam - es strahlt Ruhe aus, ganz gleich was Sie dort getan
haben; die Atmosphäre ist und bleibt ruhig.
Begeben wir uns doch einfach mal auf den Weg, zu dem letzten Ihrer Urlaubsziele. Steigen wir in den Zug ein, setzen uns nieder und schauen einfach nur aus dem Fenster. Was Sie sehen werden,
erscheint auf den ersten Blick nicht sonderlich "anders" oder "bestaunenswert", doch hat alles, was Sie sehen eine bestimmte Rolle im Zusammenspiel jeglicher Existenz auf diesem Planeten inne.
Sehen Sie doch einmal - die vielen Pflanzen, die Menschen, ja sogar freie Tiere. Und nun? Nun ist die Umgebung leer. Sie sehen nichts, außer weite Äcker oder Plantagen? Doch Sie sehen noch viel
mehr. Schauen Sie doch einmal genauer hin. Da sind zig Lebewesen, die alle nur darauf warten, endlich einmal gesehen zu werden.
Der Zug fährt schneller und Sie blicken immer noch, fast wie gebannt auf das weite Feld. Nun endlich haben Sie erkannt, dass dort eine Vielzahl an Leben ist.
Der Zug beschleunigt weiter.
Die Äcker verlassen nun wieder Ihr Blickfeld und ein recht dunkler Wald kommt fast, wie aus dem Nichts, in Ihren Blick.
Haben Sie eigentlich schon einmal angefangen, zu zählen, wie viele Bäume in einem Wald stehen? Nein, das haben Sie sicherlich nicht und Sie werden - nebenbei bemerkt - auch keine Zeit dazu
haben.
Der Zug beschleunigt immer weiter, sodass der Wald mittlerweile nur noch als grüne Fläche erscheint, mit einigen, meist zaghaften Löchern in der grünen Fassade. Die ganze Fülle an Leben und
Existenz verschwimmt in der Geschwindigkeit Ihres Reisens. "Ein schöner, voller Wald," denken Sie. Alle Versuche doch irgendetwas zu erkennen, im Wirrwarr aus Blattwerk, Holz und Nichts, scheitern
am Tempo.
Was ist? Warum bleibt der Zug stehen? Nun, endlich, haben Sie die Möglichkeit ein paar Einblicke in den Wald zu gewinnen. Doch wider Erwarten sehen Sie etwas ganz anderes, als einen dichten Wald,
in dem Unmengen von Tieren und anderen Lebensformen einen schönen Lebensraum geboten bekommen. Sie wundern sich wirklich, wie es sein kann, dass Ihnen Ihre Augen einen solchen Streich gespielt
haben können, doch nehmen Sie es wohl einfach hin.
"Einsteigen! Wir fahren weiter" und Sie steigen erneut in den Zug, dessen Ziel Ihnen immer noch unbekannt sein dürfte. Oder haben Sie sich mittlerweile entschieden, wo die Reise hingehen soll?
In langsamer Geschwindigkeit vorbei am letzten Stück des Waldes, wird Ihnen nun auch während der Fahrt bewusst, dass Sie bei der hohen Geschwindigkeit nicht die Wahrheit gesehen haben. Wieder
beschleunigt der Zug und Sie fahren nach einigen Kilometern an Steppe und Leere wieder an einem Wald vorbei. Sie erblicken das selbe, wie auch zuvor - einen fast mauerdichten Wald.
Doch auch dieser Wald endet schon bald und so nähern wir uns einem großflächigen See, in dessen Mitte eine einsame Insel liegt, über der ein paar mächtige und gesund anmutende Baumwipfel thronen.
"Wie schön einsam und friedlich diese Insel doch ist", denken Sie sich jetzt mit Sicherheit. Eine lange, aber ruhige Kurve folgt und der Zug nähert sich nun dem See. Die Insel scheint immer noch so
leer und verlassen zu sein. Nun? Stellen Sie sich gerade vor, wie schön und entspannend es wäre, auf einer solchen kleinen und harmonisch anmutenden Insel zu verweilen? Wenigstens für ein paar
Stunden? Aber auch diesmal hält der Zug nicht an. Obwohl wir uns der Insel unaufhörlich nähern, erkennen Sie nur die Einsamkeit und Ruhe, die dieses Fleckchen ausstrahlt und verkörpert.
Auch nun hinterfragen Sie diese Empfindung und Deutung der Situation nicht - genauso, wie bei dem Wald, der beim Stillstand der Eisenbahn doch nicht mehr so lebhaft und gesund erschien.
Nun sind wir einmal fast um den kompletten See herum gefahren. Die Insel blieb unentwegt im Bann Ihres Blickes. Eigentlich haben Sie doch gar nicht mehr erkannt, als das kleine Fleckchen Erde, dem
Sie trotz der Nähe doch so fern waren.
Die Bahn fährt eine Biegung, kurz bergab und zügig scharf rechts.
Unverhofft beginnt der Zug abermals zu beschleunigen. Sie beginnen das Echo des Zuges wahrzunehmen. Kurz darauf sind durch die Fenster nur noch mattgelbe Streifen zu erkennen, die Sie mit
Sicherheit in gewisser Weise beunruhigen. Doch machen Sie sich keine Sorgen. Wir befinden uns lediglich in einem Tunnel, der unter einem Gebirge entlang führt.
Abermahls vernehmen Sie das Schleifen der Bremsen. Der Zug verlangsamt sich, sodass Sie nun die Lampen an den Wänden der Strecke erkennen. Auch die Felswände sind Ihnen nun sichtbar und Sie denken
sich, dass es sich um einen wahrlich unwirtlichen und trostlosen Ort handeln muss. - Die Bahn hält an. Auch hier fühlen Sie sich dazu verpflichtet auszusteigen.
Nebenbei bemerkt, sind wir beide die einzigen Fahrgäste des Trosses. Sie öffnen eine der halb-automatischen Türen des Wagons und begehen die Strecke auf ein paar Metern. Eigentlich hat sich Ihre
Vermutung, dass es sich um einen trostlosunwirtlichen Ort handeln müsse bestätigt, denken Sie. "Was soll ich hier? Es ist hier nicht, wie beim Wald!" Das denken Sie? Dann gehen Sie doch einfach
einmal ein paar Meter in Richtung Lok und schauen sich dabei den Boden und die Wände genauer an.
Tatsächlich erkennen Sie nun kleine Pflanzen und Insekten, wie sie sich ihre Bahnen durch den Fels arbeiten. Auch kleinere Eidechsen sind zu entdecken. Wieder einmal erkennen sie die Fülle, die
auch dieser "trostlose" Ort mit sich bringt.
Das vorher beunruhigende Echo der Eisenbahnräder ist verhallt und sie vernehmen die Geräu-sche, die durch Bewegungen der Tiere entstehen. Leicht fasziniert und gebannt schreiten Sie sogar an der
Lok vorbei.
Die Angst vor der Dunkelheit haben Sie abgelegt. "Es ist doch eigentlich ganz schön hier," denken Sie. Dass es bitter kalt ist merken Sie gar nicht, während Sie einigen Insekten versuchen, mit
Ihren Blicken, zu folgen. Sie gehen immer weiter. Die Bahn, mit der Sie hier hergekommen sind, ist kaum noch in Sicht. Aber dass Sie hier, im trostlosen und verlassenen Tunnel, soviel gesehen
haben, was Sie vom Gegenteil überzeugt zu haben scheint, lässt Sie nicht daran denken, zurück in den Zug zu steigen. Sie schreiten weiter.
Mittlerweile haben Sie sogar den Zug endgültig vergessen und orientieren sich an der Beleuch-tung des Schachtes.
Fast schon enttäuschend fühlt es sich für Sie an, den Ausgang des Tunnels zu erkennen. Die Faszination, die der einsame Tunnelschacht in Ihnen hervorgerufen hat bleibt auch beim Annähern an den
hellen Ausgang in Ihrem Hinterkopf fest verankert.
Widerwillig durchschreiten Sie die Schwelle des Tunneleingangs.
Nun betreten wir eine Landschaft, die von zerrüttetem Holz und verfaulten Pflanzen, ja sogar von einigen toten Vögeln verziert ist. Es schauert Ihnen, dies anblicken zu müssen. Im übrigen haben Sie
beim herausgehen aus dem Tunnel-schacht bemerkt, dass die Bahngleise an der Schwelle zum Ausgang hin endeten. Prüfend blicken Sie zurück. "Der Tunnel ist verschwunden." Richtig bemerkt - Sie sind
nun herzlich dazu eingeladen, sich selbst einen Weg durch das Gelände zu bahnen.
Vorbei an einem, vermutlich von Raben geschändeten Spatzenkadaver, über einen Hügel aus verdorrtem Blatt- und Wurzelwerk hinüber, treten Sie direkt an eine kleine Senke heran, in der sich gerade
eine Katze an einer Spitzmaus zu schaffen macht. Diesen Anblick, genau, wie die zuletzt gemachten, finden Sie abstoßend und ausladend.
Sie gehen schnell weiter und kommen an ein Ufer. In der Ferne erkennen Sie eine Bahnstrecke, die kreisförmig um das Gewässer herumführt. Zu Ihrer Linken sehen Sie einen großen Baum. Es dürfte sich
um eine Eiche handeln, die da so majestätisch emporragt. Sie blicken weiter einfach um sich und erkennen eine Vielzahl an Bäumen, die sich dicht aneinander schmiegen und Friedlichkeit ausstrahlen.
Raben krächzen einen schauerlichen Chor.
Sie versuchen sich vorzustellen, wie diese leicht verschreckend anmutende Insel für den Außenstehenden aussehen mag.
Fällt Ihnen etwas auf? Richtig. Die Insel auf der Sie sich gerade befinden, ist die, um die der Zug, mit dem Sie hierher kamen vor einiger Zeit herumgefahren ist.
Erinnern Sie sich? - "Wie schön einsam und friedlich diese Insel doch ist",...
Langsam verdunkelt sich die Frühlingssonne über der Insel und eine leichte Beängstigung überkommt Ihr Gemüt. In beinahe panischer Hektik versuchen Sie eine Möglichkeit zu finden, die Insel zu
verlassen, aber es scheint ausweglos.
Fast finden Sie sich schon mit damit ab, die Nacht an diesem, nun wahrlich nicht freundlich gesonnenen Ort zu verbringen, da überkommt die Dämmerung vollends Ihren klaren Blick und hüllt Sie in
tiefste Dunkelheit."
Es schüttelt Ihren Körper, wodurch Sie Ihre Augen wieder öffnen. Sie sitzen derzeit in einem Zug. Ein Blick aus dem Wagonfenster offenbart Ihnen die Fahrt, vorbei an einem Wald und Sie erinnern
sich an Ihren Traum von eben.